Ein Freiburger berichtet von seinem Einsatz für den Frieden
Von Oberstlt Adrian Zurmühle
Unser ASMO Mitglied, Patrick Gauchat berichtet von seinem Einsatz
20251217_LIBERTE_Patrick_Gauchat
(Originalartikel auf Französisch)
Seitentitel: Ein Freiburger berichtet von seiner Friedensmission.
Titelbild: Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich Divisionär Patrick Gauchat weltweit für die Friedenssicherung.
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Seit 2021 Chef der UNO-Mission in Israel, wird der Freiburger Divisionär Patrick Gauchat (58 Jahre) seine Quartiere in Jerusalem im März verlassen. Er überwacht die «Blaue Linie», welche Israel vom Libanon und von Syrien trennt.
NAHER OSTEN >> Als erster Schweizer, der eine UNO-Mission kommandiert, wird Divisionär Patrick Gauchat (58 Jahre) im Frühling sein Hauptquartier in Jerusalem nach vier Jahren in dieser Funktion verlassen. Mit 400 Blauhelmen, die in der Mission der Organisation der Vereinten Nationen zur Überwachung des Waffenstillstands (ONUST) im Einsatz stehen, überwacht der Freiburger die «Blaue Linie», welche Israel vom Südlibanon und von Syrien trennt. Interview mit einem Friedensoffizier, der in Romont Pfadfinder war.
Naher Osten >> Als erster Schweizer, der eine UNO-Mission kommandiert, wird Divisionär Patrick Gauchat (58 Jahre) im Frühling sein Hauptquartier in Jerusalem nach vier Jahren in dieser Funktion verlassen. Mit 400 Blauhelmen, die in der Mission der Organisation der Vereinten Nationen zur Überwachung des Waffenstillstands (ONUST) im Einsatz stehen, überwacht der Freiburger die «Blaue Linie», welche Israel vom Südlibanon und von Syrien trennt. Seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 ist die Zahl der Waffenstillstandsverletzungen explodiert. Doch dieser hohe Offizier behält den Glauben an Friedensmissionen, die den Kriegsparteien zeigen, dass sie genau beobachtet werden. Interview mit einem Friedensoffizier.
Als Sie Ihr Ingenieurdiplom an der EPFL abgeschlossen hatten, hätten Sie sich vorstellen können, eines Tages als erster Schweizer die heikle Mechanik einer UNO-Friedensmission im Nahen Osten zu ölen?
Patrick Gauchat: Ganz ehrlich, nein! Es stimmt, dass mir mein Ingenieurberuf ermöglicht hat, in der Schweiz und in Europa zu reisen. Er liess mir auch die Möglichkeit, innerhalb der Armee aufzusteigen und im Jahr 2000, also vor 25 Jahren, bereits im Nahen Osten meine erste Erfahrung als Militärbeobachter zu machen.
Auf den Schulterklappen Ihrer Ausgehuniform glänzen zwei silberne Sterne, während auf Ihrer Jacke eine beeindruckende Reihe militärischer Auszeichnungen prangt, darunter jene als guter Schütze. Werden Sie also immer ein Friedensoffizier bleiben?
Eine Friedensmission ist wahrscheinlich der beste Weg, um mit dem Krieg in Kontakt zu sein. Sie erlaubt es, die Stabilität unserer persönlichen Ausbildung und die Vorbereitung der Schweizer Gesellschaft auf Krisen und Kriege auf die Probe zu stellen. Ziel ist es selbstverständlich, Frieden oder Waffenstillstände aufrechtzuerhalten, und in diesem Bereich sind die Schweizer gut angesehen: fleissig, neutral, offen, zuverlässig, ohne koloniale Vergangenheit und ohne grosse nationale Interessen verfügen wir über intrinsische Qualitäten, die für diese Arbeit der Friedenssicherung gesucht werden.
Frieden aufrechtzuerhalten erlaubt Ihnen, den Krieg zu beobachten. Sie haben dabei auch eine Bemerkung an den Chef der Schweizer Armee Thomas Süssli gemacht…
Ja. Über die App, die in Israel warnt, wenn die Iraner, die Hisbollah in Syrien und im Libanon oder die Houthis eine Rakete auf das Land abfeuern. Sofort erhält man die Warnung und die Schätzung der Einschlagszeit, was es erlaubt, sich in Sicherheit zu bringen. Es ist wahrscheinlich dieses Mittel, das es den Israelis ermöglicht hat, diese zwei Jahre Krieg gegen die Hisbollah und den Iran durchzuhalten. Diese App könnte für die Schweiz in Zukunft nützlich sein, falls sich die Lage in Europa verschlechtert.
Werden Sie noch lange im Amt bleiben?
Bei der UNO gibt es normalerweise eine Grenze von zwei Jahren für militärische Kommandos: Angesichts der Situation in der Region war es sinnvoll, eine Verlängerung meines Mandats zu beantragen. Das Sprichwort «In crisis know faces» – in einer Krise ist es wichtig, sich persönlich zu kennen – wirkt auf effiziente Weise. Es gibt jedoch eine Grenze von vier Jahren und einigen Monaten, was bedeutet, dass ich im Frühling gehen muss.
Für welches Mandat?
Ich stelle mich der Armee zur Verfügung…
Der blutige Angriff der Hamas entlang des Gazastreifens und die äusserst tödliche Reaktion Israels haben die Region seit zwei Jahren in ein Pulverfass verwandelt. Wie geht man mit so viel Spannung um?
Ihre Frage ist interessant: Israel agiert an sieben miteinander verbundenen Fronten. Die Beobachtung dieses Systems sowie die operativen und sicherheitsrelevanten Auswirkungen für meine Militärbeobachter müssen analysiert werden, und angepasste Massnahmen müssen systematisch diskutiert und umgesetzt werden. Mehr als zwei Jahre Krise zermürben jeden Menschen, und es müssen Schutzmechanismen eingerichtet werden: weiterhin die Partner treffen, die Militärbeobachter an der Frontlinie stärker unterstützen, den Konfliktparteien die Sicherheitsbedürfnisse vertieft vermitteln. Um durchzuhalten, sind Lebenshygiene, die Unterstützung der Angehörigen und die Arbeit mit einem Team, auf das man zählen kann, von zentraler Bedeutung. Auch vorübergehende Unannehmlichkeiten müssen sofort verarbeitet werden.
Sind die Waffenstillstandsverletzungen, die Sie dokumentieren, immer zahlreicher, insbesondere seitens Israels, das offenbar eine Bodenoperation im Südlibanon vorbereitet?
Tatsächlich arbeiteten wir früher mit einzelnen Verletzungen oder Vorfällen. In den letzten zwei Jahren mussten wir vermehrt sogenannte Heatmaps einsetzen, auf denen zahlreiche Vorfälle und Verletzungen sichtbar gemacht werden. Die Zahl erreichte zeitweise bis zu 100 Verstösse pro Tag. Das erlaubt es, mit den Konfliktparteien nicht über Einzelfälle, sondern über dringend zu behandelnde Brennpunkte zu sprechen, insbesondere wenn die Bevölkerung betroffen ist. Wie letztes Jahr, als dieser Angriff zwölf drusische Kinder vom Golan in Majdal Shams auf einem Spielplatz tötete?
Ja. Wir können die Bevölkerung durch unsere Präsenz, Ermittlungen, einen dokumentierten Bericht, Massnahmen und Gespräche mit den Betroffenen unterstützen. Meine Begegnung mit dem Ersthelfer vor Ort, der sein Kind bei der von Ihnen erwähnten Explosion verloren hat, war ein prägender Moment. Unser Zeugnis erlaubt es gewissermassen, sein Kind weiterleben zu lassen und gibt Hoffnung auf Gerechtigkeit, wofür wir berührende Dankesbekundungen erhalten.
Gab es Verletzte unter Ihren Blauhelmen?
Ich hatte vier Verletzte auf der «Blauen Linie», die Libanon und Israel trennt. Eine meiner Beobachterinnen wurde schwer verletzt und im Spital behandelt. Sie wollte mutig bis zum Ende ihres Mandats weiter für die ONUST arbeiten. Sie blieb während dieses Konflikts acht Monate auf der «Blauen Linie». Es ist immer eine heikle Entscheidung, bis zum letzten Moment an den Waffenstillstandslinien präsent zu bleiben.
Sind diese Risiken die Opfer wert?
Ja. Unsere Präsenz bewirkt Zurückhaltung bei den kämpfenden Parteien: Wir zeigen ihnen, dass jemand hinschaut und der Welt berichtet. Das verhindert oft Kriegsverbrechen und schützt eingeschlossene Bevölkerungen. Diese vier Verletzten waren nicht umsonst, aber ich bin froh, dass meine Mission in Israel erstmals während einer Konfliktperiode keine Toten zu beklagen hatte, was seit 1949 bei erneuten Kriegen oder Konflikten systematisch der Fall war.
Werden Sie regelmässig beschossen?
Bei Einsätzen meiner Teams auf der «Blauen Linie» gab es Verletzte und Explosionen in der Nähe unserer Fahrzeuge oder Beobachtungsposten. Glücklicherweise waren unsere Sicherheitssysteme wirksam. Der Lärm der Detonationen, die Vibrationen sowie Drohnenflüge sind allgegenwärtig.
Würde Ihnen das Tragen einer Waffe in gewissen Situationen Sicherheit geben?
Nein, denn wir bewegen uns zwischen Armeen mit Befehlsketten. Eine Waffe kann Misstrauen in der Bevölkerung wecken und der Hilfe schaden, die wir leisten möchten. Zudem kann eine Waffe Stress erzeugen, und ein Unfall ist schnell passiert.
Man sagt, die Iraner würden Jerusalem wegen der heiligen Stätten niemals angreifen. Stimmt das?
Jerusalem wird vom Iran wegen der heiligen Stätten klar nicht anvisiert. Während der Angriffe flogen jedoch Hunderte Raketen über unser Hauptquartier auf einem Hügel oberhalb der Altstadt. Die klar sichtbaren Flugbahnen wirken wie ein Schwarm Meteoriten. Die Warnsysteme geben uns präzise die Einschlagpunkte der Flugobjekte an, was die Angst vor diesen Bombardierungen nimmt, vor allem wenn man sich in einer Stadt befindet, die kein Ziel ist.
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INSPIRIERT BEI DEN PFADFINDERN
Das Engagement von Patrick Gauchat bei den Pfadfindern in Romont prägte seine Jugend und öffnete ihm den Weg zum Reisen.
Sein Leben für den Frieden riskieren?
Wenn er zu Orten von Waffenstillstandsverletzungen an der israelisch-libanesischen Grenze fährt, könnte Patrick Gauchat ein Kreuzzeichen machen. «Manchmal, wenn ich von einer Mission zurückkehre, halte ich unterwegs kurz an, um mich vom Stress zu erholen», erzählt er. «Aber nein, ich bekreuzige mich nicht, aus Respekt vor anderen Religionen.»
Trotz der starken Präsenz des Todes hat der Freiburger Vertrauen ins Leben. Ein Optimismus und eine Entschlossenheit, die ihm wohl aus seinen Pfadfinderjahren stammen. Als Wahl-Romontois nach dem Zuzug seiner Eltern aus dem Berner Jura in den glanischen Hauptort bewahrt Patrick Gauchat sehr enge Verbindungen zu der Gruppe, die er in seiner Kindheit besucht hat.
«Ich habe bei den Pfadfindern sicher Pazifismus und Altruismus gelernt», erklärt er. «In Romont prägten meine Jugend vor allem die Reisen, die wir organisierten, um unbekannten Menschen weiter entfernt auf unserem Planeten zu helfen.» Und der damalige junge Mann reiste nach Ägypten, um unter der Leitung von Schwester Emmanuelle, einer heute verstorbenen belgischen Ordensfrau, an einer Wohltätigkeitsaktion teilzunehmen.
«Diese christliche Solidaritätsaktion ging von unserem glanischen, weltweit bekannten Maler André Sugnaux aus», fährt er fort. «Wir organisierten auch eine ähnliche Reise nach Polen. Diese Abenteuer veranschaulichen die lange humanitäre Tradition der Pfadfinder von Romont. Unsere Vorgänger hatten bereits eine Reise ins Heilige Land unternommen, als der Sechstagekrieg wütete.» Diese Erfahrungen schufen starke Bindungen. Ehemalige Pfadfinder aus Romont kamen sogar kürzlich bis nach Jerusalem, um ihren früheren Kameraden zu besuchen.
Viele Reisen zu unternehmen und andere Sprachen entdecken zu wollen, hilft ihm heute dabei, 400 Blauhelme zu kommandieren. «Unsere Arbeitssprache ist Englisch, aber ein paar Sätze in anderen Sprachen wie Arabisch, Hebräisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch oder Skandinavisch zu beherrschen, hilft, das Gegenüber zu entspannen und ein Gespräch auf einer lockereren Basis zu beginnen», sagt er.
Diese Offenheit erleichtert ihm die Arbeit im Umgang mit den zahlreichen hochrangigen Gesprächspartnern, denen er begegnet. «In Israel und im Libanon treffe ich Präsidenten, Minister und Generäle, die für die Grenzen und die betroffenen Einheiten zuständig sind», erläutert Patrick Gauchat. «In anderen Ländern wie Syrien sind meine Ansprechpartner die Aussenminister und der Verteidigungsminister sowie die für den Golan zuständigen Generäle. In Ländern, in denen keine Kämpfe stattfinden (Ägypten, Jordanien), treffe ich Direktoren für internationale Angelegenheiten oder UNO-Angelegenheiten, aber auch Generäle.»
Regelmässig reist der Kommandant der Organisation der Vereinten Nationen zur Überwachung des Waffenstillstands (ONUST) zum UNO-Hauptsitz nach New York. «Die Botschafter der ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates, der nichtständigen Mitglieder sowie der Länder, die Militärbeobachter für meine UNTSO-Mission entsenden – insgesamt 31 Länder – gehören ebenfalls zu meinen Kontakten», zählt er auf. «Hinzu kommen die Botschafter einflussreicher Länder in der Region wie Saudi-Arabien, Katar, Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman, die Türkei oder die Arabische Liga.»
Süchtig nach Tapetenwechsel wird Patrick Gauchat Weihnachten nicht in Romont verbringen. Da er sich in dieser trotz Dauerkrise vertrauten Region der Welt am richtigen Platz fühlt, wird der Freiburger die Feiertage in Bethlehem und Jerusalem verbringen. >> PAS
Bilder Seiten 2 und 3: Im Schnee des Hermongebirges zwischen Syrien und Libanon, gegenüber Guy Parmelin oder Papst Leo XIV oder auf dem Golan hat Patrick Gauchat unermüdlich den Frieden propagiert. dr
Seite 2 Fusszeile (Chronologie): IN DER WELT
2004 Stellvertretender Leiter der Schweizer Delegation bei der Neutral Nations Supervisory Commission (NNSC) in Panmunjom, Korea.
2009 Offizier für Friedenssicherungseinsätze im UNO-Generalstab in New York, eingesetzt für die Missionen MONUSCO (DR Kongo) und Somalia.
2011 Stellvertretender Missionschef der ONUST in Jerusalem.
2013 Kommandant des Regionalen Interarmeeverbandes Nord (JRD-N) der KFOR im Kosovo.
2014 Höherer Offizier für den Nahen Osten und Asien im UNO-Generalstab in New York.
2017 Leiter der Schweizer Delegation bei der Neutral Nations Supervisory Commission (NNSC) in Korea, bis 2021.
2021 Im Oktober Missionschef und Chef des Generalstabs der ONUST (United Nations Truce Supervision Organization), ernannt durch den UNO-Generalsekretär António Guterres, mit Sitz in Jerusalem.
2024 Zusätzlich zu seinen Aufgaben bei der ONUST: Missionschef und interimistischer Kommandant der United Nations Disengagement Observer Force (UNDOF/FNUOD) auf dem Golan im Dezember.